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12. Januar 2012

Essener klagen über unhaltbare Zustände im Jobcenter

12.1.2012, WAZ Essen, von Claudia Pospieszny
Seit Januar verwaltet die Stadt Essen die Jobcenter als Optionskommune in Eigenregie. Doch so reibungslos, wie die Stadt behauptet, scheint der Wechsel nicht funktioniert zu haben. Betroffene klagen über lange Wartezeiten und unhaltbare Zustände.

Seit dem ersten Januar verwaltet die Stadt ihre Hartz IV-Empfänger in Eigenregie. Das funktioniert mit neuer Computer-Software, neuer Telefonanlage, bewährten Mitarbeitern. „In der zweiten Woche der Option ist die Software alles in allem stabil“, zieht Fachbereichsleiter Peter Renzel ein Fazit. Das klingt nicht schlecht – doch deckt es sich nicht mit Aussagen von Neukunden

Wie läuft’s nun wirklich? Schauen wir ins Jobcenter am Berliner Platz. Die Schlange ist lang und wächst stetig. „Montag, Dienstag und Mittwoch war ich schon hier“, sagt ein junger Mann vor mir. Je drei Stunden habe er ausgeharrt, „doch die Computer liefen nicht und ich musste wieder gehen.“ Eine der Ordnungskräfte des Jobcenters, die das Gespräch über zwei Köpfe hinweg verfolgt, pflichtet ihm bei: „Sie waren in den letzten Tagen wirklich geduldig. Aber heute laufen die Computer. In einer Stunde müssten Sie dran sein. Grad ist es ja nicht so voll.“ Zu warten mache Sinn, „morgen rechnen wir mit noch mehr Andrang.“

„Es läuft jeden Tag ein bisschen stabiler“

Schilderungen wie diese erreichten die Redaktion mehrfach. Gleich vier Mal habe Christian Eifert am Berliner Platz vergeblich vorgesprochen. Nun ist er in Sorge, lange auf die erste Hartz IV-Zahlung warten zu müssen, weil ihm Mitarbeiter des Centers mitgeteilt hätten, bis der Bescheid komme, müsse er acht bis zehn Wochen warten. Probleme und Sorgen, um die Renzels Team weiß. Dass es momentan nicht überall reibungslos laufe, räumt er ein. Der Umzug sei ein Kraftakt gewesen, die Software optimiere man laufend. „Es läuft jeden Tag ein bisschen stabiler“, sagt Jobcenter-Chef Dietmar Gutschmidt. Doch weil er weiß, dass das nicht reicht, justiere man dieser Tage „von Hand“ nach. Mitarbeiter notieren nun, wer ins Jobcenter gekommen ist und unverrichteter Dinge wieder ziehen musste, „damit den Kunden keine Nachteile entstehen.“ Ab sofort werden zudem mehr Mitarbeiter die täglich rund 150 Menschen im Neukundenbereich betreuen, Dinge notieren, die Vorgänge auf andere Geschäftsstellen umverteilen, um weitere Bearbeitungsstaus zu vermeiden und zu gewährleisten, dass Hartz IV-Empfänger pünktlich Geld kriegen.

Teils behäbig aber stabil liefen die Computer in den anderen Jobcentern. Doch auch dort wurden Kunden in den vergangenen Tagen vertröstet. „Man konnte nicht auf meine Akte zugreifen und mir keine Auskünfte erteilen“, sagt etwa eine 52-Jährige. Zum ersten Januar wartete sie auf die Unterstützung, doch erst am 11. Januar ging das Geld auf ihrem Konto ein. Die Überbrückung der Wartezeit fiel ihr schwer.

„Ich arbeite aus der Motivation heraus: Jede Beschwerde ist ein Geschenk“

Auch Rechtsanwalt Carsten Dams moniert Verzögerungen. „Ich habe mich auf Sozialrecht spezialisiert und viele Mandanten, die Hartz IV bekommen“, sagt er. „Normalerweise gehen ich im Schnitt täglich 20 Briefe vom Jobcenter bei mir ein. Doch seit dem 27. Dezember habe er keine Post mehr erhalten.“ Ein Berufskollege bestätigt dies, ihm habe gar ein Klient gedroht, ihm das Mandat zu entziehen, weil es mit der Bearbeitung der Angelegenheit nicht weitergehe. „Die Leute glauben nicht, dass wir die Sachen nicht verschleppt haben.“

Außergewöhnliche Bearbeitungsrückstände kann die stellvertretende Fachbereichsleiterin Silvia Fergée indes nicht bestätigen. Liefen die Computer stabiler, werde sich die Bearbeitungszeit wieder einpendeln. Ziel sei es, so Gutschmidt, das Jobcenter unter dem Dach der Stadt Essen in den kommenden Monaten so zu optimieren, dass man die Bearbeitungs- und Wartezeiten, die es vor der Umstellung gab, wieder gewährleisten könne. Und Renzel ergänzt: „Ich arbeite aus der Motivation heraus: Jede Beschwerde ist ein Geschenk.“ Nur so könne man etwas verbessern.

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